[AI]
VERSÄUMTE BILDER
an der Charité
Versäumte Bilder an der Charité
Frauen in der Wissenschaft waren und sind bis heute anderen Hürden und Barrieren ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen. Weltweit ist nur jede dritte Person in der Wissenschaft eine Frau, in Deutschland sind Frauen auf wissenschaftlichen Leitungspositionen noch immer unterrepräsentiert. Das gilt auch für ihre Repräsentation in der Öffentlichkeit und auf den Campi der Wissenschaftseinrichtungen. Räume und Straßen sind in der Regel nach Männern benannt, an den Wänden hängen prominente und würdigende Darstellungen verdienter Männer der jeweiligen Institution. Auch die Charité ist geprägt von dieser männlichen Darstellung.
Die visuelle Unterrepräsentanz vermittelt den Eindruck, dass Frauen nicht mitgewirkt haben am Erfolg der Universitätsmedizin und sendet künftigen Studierenden das Signal, dass Frauen nicht im gleichen Maße in der Medizin und der Forschung ausschlaggebend sein können.
Hier setzt unser Projekt „Versäumte Bilder“ an der Charité an. Wir haben exemplarisch acht Frauen aus der Geschichte der Universitätsmedizin Berlin ausgewählt, um ihnen als Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen visuelle Anerkennung zu verleihen, ihre Geschichten zu erzählen und ihnen eine späte, verdiente Ehrung zukommen zu lassen.
Das Projekt „Versäumte Bilder“ hat die Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born ins Leben gerufen. Mit ihrem Bilderinstitut gibt sie gemeinsam mit wissenschaftlichen Institutionen Forscherinnen eine Bühne, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt blieb.
Bestehende Porträts und Fotos interpretiert und kontextualisiert das Bilderinstitut mittels Künstlicher Intelligenz (KI) neu, um die bedeutenden wissenschaftlichen Errungenschaften von Frauen visuell erfahrbar zu machen – möglichst realitätsnah und zeitgemäß, um zu zeigen, wie eine Anerkennung der Wissenschaftlerinnen hätte erfolgen können.
Dabei ersetzen die mit KI generierten Porträts keine Fotos, sondern öffnen den Betrachtenden einen gedanklichen Möglichkeitsraum und Zugang zu den Frauen sowie ihrer Geschichte. Was hätte sein können, wenn diese Frauen die gleiche Sichtbarkeit erhalten hätten? Welche (Vor-)Bilder fehlten ganzen Generationen von Wissenschaftlerinnen? Die Bilder selbst sind Werkzeuge, die es uns als Institution ermöglichen, die eigene Geschichte kritisch zu befragen und einen gedanklichen Möglichkeitsraum zu schaffen, in dem Frauen genauso sichtbar sind wie Männer – eine Utopie die keine sein sollte.
Mit den Darstellungen loten wir Möglichkeiten und auch Grenzen der KI aus und gehen transparent damit um. Alle Eingaben, die in die KI getätigt wurden, werden mitveröffentlicht. Diese Prompts sind keine biografischen Fakten, sondern Arbeitsdokumente, die den Entstehungsprozess transparent machen. Sie zeigen ebenso die Herausforderungen im Umgang mit den „Vorurteilen“ der KI: Frauen werden von der KI meist zu gefällig und zu jung generiert. Gegen diese algorithmischen Vorurteile hat Gesine Born bei der Entwicklung der Porträts systematisch „angeprompted" – etwa durch explizite Altersangaben oder Beschreibungen, die gängige Klischees durchbrechen. Die veröffentlichten Prompts dokumentieren diesen Arbeitsweg und leisten Aufklärungsarbeit über die verantwortungsvolle Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Sie sind keine historischen Quellen, sondern Einblicke in einen technischen Prozess.
Die Ausstellung wird an verschiedenen Orten der Charité gezeigt, die einzelnen Porträts wandern im Anschluss in unterschiedliche Fachbereiche. An diesen Orten erhoffen wir uns, dass sie künftige Generationen an Forscherinnen ermutigen und in ihrem persönlichen Erfolg stärken.
Wir verstehen die acht exemplarischen Darstellungen als Anregung und Einladung, weitere Geschichten von Frauen an der Charité zu recherchieren und zugänglich zu machen und hoffen, dass dieser Auftakt viele weitere Projekte und Ideen nach sich zieht.
Diese Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt unterschiedlicher Akteur:innen der Charité Universitätsmedizin Berlin. Wir danken dem Gleichstellungsbüro, den Kooperationspartner:innen und Unterstützer:innen.
Ingeborg Syllm-Rapoport
1912 - 2017
Professorin für Neonatologie
Das versäumte Bild zeigt Ingeborg Syllm-Rapoport bei der Übergabe ihrer Doktorurkunde 1938, die ihr zur NS-Zeit verwehrt wurde.
Eingabe KI: Hasselblad portrait from 1938 showing 25 year old female Doktor Ingeborg Rapoport with curly brown hair and a narrow face, standing proudly with her doctor certificate on a stage in front of a dark curtain, celebrating her doctorate, smiling --oref [Foto Rapoport] --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Geboren in Kamerun, wuchs Ingeborg Rapoport in Hamburg auf, wo sie später Medizin studierte und 1937 ihr Staatsexamen ablegte. Der Doktortitel für eine Arbeit über Diphterie wurde ihr verweigert, weil ihre Mutter Jüdin war.
Im September 1938, kurz vor der Pogromnacht, emigrierte sie in die USA, wo ihr Staatsexamen nicht anerkannt wurde. Sie studierte erneut zwei Jahre am Women’s Medical College of Pennsylvania, arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern und erwarb den Medical Doctor mit einer Spezialisierung auf Pädiatrie. In den USA lernte sie Mitja Rapoport kennen, den sie heiratete und mit dem sie vier Kinder bekam.
Da die beiden sich politisch für Bürgerrechte engagierten und Mitglieder der Communist Party USA waren, gerieten sie ins Visier des McCarthy Ausschusses und kehrten als politisch Verfolgte aus den USA nach Europa zurück. In Berlin fand die Familie eine neue Heimat. Rapoport arbeitete hier als Ärztin sowie wissenschaftliche Aspirantin und habilitierte sich 1959.
Ab 1958 war sie an der Kinderklinik der Charité (damals in Ost-Berlin) tätig und leitete die Säuglings- und Frühgeborenenstation, aus der sie allmählich eine Abteilung für Neugeborenenheilkunde entwickelte.
Ab 1964 erhielt sie zunächst die Professur für Pädiatrie und 1969 dann den europaweit ersten Lehrstuhl für Neonatologie. Rapoport entwickelte ihre Abteilung, die ab 1970 Teil eines Perinatalzentrums wurde, inhaltlich und strukturell mit dem Aufbau einer Neugeborenen-Intensivtherapie und einer Forschungsabteilung weiter. 1973 wurde sie, wie damals für Frauen in der DDR üblich, im Alter von 60 Jahren emeritiert. Gegenüber der Regierung protestierte sie deutlich in einem Brief gegen die Ungleichbehandlung: Männer durften bis 65 als Professoren arbeiten.
Ihre Promotion hat sie erst 2015 im Alter von 102 Jahren als bislang ältester Mensch an der Universität Hamburg erfolgreich verteidigt.
Originalbild: Privatbesitz
Käthe Beutler
1896 – 1999
Kinderärztin
Das versäumte Bild zeigt Beutler als junge Kinderärztin in ihrer eigenen Praxis in Berlin.
Eingabe KI: Leica portrait from 1933 showing 35-year-old female doctor with simple pageboy hair, slight olive tint, wearing a white doctor's coat, standing proud and serious in her own doctor's office [Foto Beutler] --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Käthe Beutler wurde 1886 in Berlin geboren und studierte hier ab 1918 als eine von 251 Frauen unter insgesamt 2560 Studierenden Medizin. 1920 wurde sie an der Charité promoviert und erhielt 1924 ihre Approbation. Sie arbeitete im Rahmen ihrer Facharztausbildung bei den bekannten Professoren Finkelstein und Czerny an der Charité. Ihr wissenschaftliches Interesse galt vor allem der Entwicklung von Säuglingsnahrung und der Sozialmedizin. Sie veröffentlichte in dieser Zeit unter anderem einen Artikel über die Wirksamkeit eines Medikaments gegen kongenitale Syphilis in Kombination mit guter Ernährung und Pflege der erkrankten Kinder.
1925 heiratete sie den jüdischen Internisten Dr. Alfred Beutler und bekam mit ihm drei Kinder. 1927 eröffnete Beutler, nur ein Jahr nach der Geburt ihres ersten Sohnes, unter ihrem Mädchennamen Italiener eine eigene pädiatrische Praxis. Im Februar 1933 erhielt sie ihre Kassenzulassung, die sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Juli 1933 bereits wieder verlor. Ab diesem Zeitpunkt durfte sie nur noch Privatpatien:tinnen behandeln.
Als sich die Lebensbedingungen für Juden in Deutschland immer weiter verschlechterten, wanderte die Familie Beutler 1935 in die USA aus. In Milwaukee/Wisconsin legte Beutler das amerikanische Staatsexamen ab und eröffnete 1937 erneut eine eigene pädiatrische Praxis. Dies ist umso bemerkenswerter, da sie als Migrantin und Jüdin mit Vorurteilen zu kämpfen hatte und keinerlei Unterstützung von männlichen Kollegen und anderen Migranten erhielt.
Trotz aller Widrigkeiten, die Käthe Beutler im Laufe ihres Lebens begegneten, bewahrte sie sich die Fähigkeit, sich immer wieder an neue Gegebenheiten anzupassen und gab ihre Lebensprioritäten nie auf. Heute erinnert ein Forschungsgebäude des Berlin Institute of Health auf dem Campus Buch an das Leben und Wirken von Käthe Beutler.
Originalbild: Privatbesitz
Lydia Rabinowitsch-Kempner
1871 – 1935
Mikrobiologin
Das versäumte Bild zeigt Lydia Rabinowitsch-Kemper in einer Darstellung als Ölgemälde in Anlehnung an die damals üblichen Porträts männlicher Wissenschaftler.
Eingabe KI: oil portrait painting from 1903 of 35 year old female Doctor Lydia Rabinowitsch-Kempner sitting behind a desk --[Foto Rabinowitsch-Kempner] --sref [Gemälde von Anders Zorn]
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Lydia Rabinowitsch kam in der damals russischen Grenzstadt Kowno (heute Kaunas in Litauen) auf die Welt. Nach dem Schulabschluss zog sie in die Schweiz, wo Frauen, anders als in den meisten anderen europäischen Ländern zu der Zeit, bereits zum Studium zugelassen waren. Nach ihrer Promotion zog sie 1894 nach Berlin, wo sie eine Stelle als unbezahlte Assistentin von Robert Koch am Institut für Infektionskrankheiten in Berlin erhielt. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit galt der Tuberkuloseforschung.
Es folgte ein Forschungsaufenthalt in den USA, wo sie am Women’s Medical College of Pennsylvania Bakteriologie lehrte und bereits 1898 zur ordentlichen Professorin ernannt wurde. Sie heiratete den Arzt Walter Kempner und kehrte 1903 nach Berlin zurück, wo sie 1920 als wissenschaftliche Assistentin am Pathologischen Institut der Charité arbeitete und zur führenden Tuberkulose-Forscherin aufstieg. Parallel zu ihrer intensiven Forschungstätigkeit, Lehrverpflichtung und zahlreichen wissenschaftlichen Projekten bekam sie drei Kinder.
Sie entdeckte als Erste, dass sich Menschen, darunter viele Kinder, über die Milch von tuberkulosekranken Kühen infizieren. Ihre Arbeit trug zur Einführung der strengen Hygienekontrollen in den Molkereien sowie zur Entwicklung eines Pasteurisierungsverfahrens bei.
Im Jahre 1912 erhielt sie als erste Wissenschaftlerin in Berlin den Professorentitel, bekam aber keine Anstellung an der Universität. 1920 wurde sie Direktorin des Bakteriologischen Instituts am Krankenhaus in Moabit und wurde dort erstmals angemessen für ihre Tätigkeit bezahlt. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1934 durch die Nationalsozialisten zwangspensioniert. Kurze Zeit später, am 3. August 1935, starb sie nach schwerer Krankheit in Berlin mit 63 Jahren.
Seit 2007 gibt es an der Charité eine nach ihr benannte Förderung für promovierte und habilitierte Wissenschaftlerinnen mit Familienaufgaben.
Originalbild: Urheber:in nicht bekannt
Helenefriederike Stelzner
1861- 1937
Ärztin
Das versäumte Bild zeigt Helenefriederike Stelzner als erste Volontärassistentin an der Charité in den Gängen der Psychiatrischen Klinik.
Eingabe KI: 20 year old female doctor as a Hasselblad portrait from 1933 wearing a white doctor's coat, standing proud in the hospital Charité, Berlin --oref [generiertes Portrait] --ow 300 --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Helenefriederike Stelzner war die erste weibliche Ärztin an der Charité, und doch ist über ihr Leben wenig bekannt. Sie wurde 1861 in Böhmen geboren, besuchte in Chemnitz eine höhere Töchterschule und war verheiratet. 1897, im Todesjahr ihres Mannes legte sie eine Abschlussprüfung ab, die sie zum Studium berechtigte. Da Frauen damals in Deutschland nicht studieren durften, absolvierte sie ihr Medizinstudium von 1897-1900 in der Schweiz.
Stelzner war eine von 22 Frauen – neben Rahel Hirsch und anderen –, die 1899 eine Petition an den Deutschen Reichstag schrieben, um eine Zulassung für Frauen zum Medizinstudium zu fordern. Die Argumentation lautete:
„Es schadet der Würde ihres Standes, wenn die Ärztin trotz ernstester Studien […] an Ausübung gewisser Funktionen […] gehindert ist. Auch wird das Publikum leicht geneigt sein, sich falschen Vorstellungen über den Wert der in Deutschland nicht staatlich anerkannten weiblichen Ärzte hinzugeben […] . Außerordentlich schwerwiegend aber ist der Umstand, daß die Ärztin ihre Tätigkeit in Deutschland mit keiner anderen Berechtigung ausübt, als mit derjenigen, die jedem Kurpfuscher zusteht […]. Dies alles rechtfertigt den dringenden Wunsch, unter allen Umständen die deutsche Approbation zu erwerben.“ 1 Im Sommer 1900 wurde der Petition stattgegeben.
Von 1902 bis zu ihrem Tod im Jahr 1937 arbeitete Stelzner als Ärztin in zivilen und militärischen Krankenhäusern, Schulen und als Sachverständige vor Gericht. Sie verfasste Publikationen zu wissenschaftlichen und sozialen Themen, darunter kontroverse Themen wie Frauenrechte und Gesundheit, aber auch Eugenik. Stelzner war zweifellos eine Pionierin: Von 1903–1904 war sie die erste Ärztin an der Charité (Klinik für Psychiatrie), 1905 die erste Schulärztin in Berlin-Charlottenburg und 1913 das erste weibliche Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie – unter 620 Männern.
1 Petition der Ärztin Dr. med. Ida Democh und Genossinnen an den hohen Reichstag um Zulassung der Frauen zu den medizinischen Staatsprüfungen (1899). Reichstags-Drucksache Nr. 339, 10. Legislaturperiode, I. Session 1898/1900.
Von Helenefriederike Stelzner sind keine Bilder auffindbar, auch die Vorlage wurde bereits mit KI generiert:
Eingabe KI: vintage foto from 1913 showing 50 year old first female doctor of psychiatry at Charité in Berlin, with brown hair and a white doctor's coat, looking proud, leaning on her hand —sref [klassisches Portrait eines Psychiaters]
Rhoda Erdmann
1870–1935
Zellbiologin
Das versäumte Bild zeigt Rhoda Erdmann an ihrem Schreibtisch mit ihrem Lehrbuch über die Methoden der Gewebekultur (1922).
Eingabe KI: close-up portrait from 1922 of 45-year-old female doctor standing proud in a lab, wearing a white coat, leaning on a table, on the table a paper, in the background two students wearing white coats --oref [Foto Erdmann] --ow 100 --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Als wegweisende Zellbiologin gehörte Rhoda Erdmann (1870–1935) zu den wenigen Frauen, die sich in der deutschen Hochschullandschaft ihrer Zeit etablieren konnten. In einer von Männern dominierten Wissenschaft war ihr Werdegang von strukturellen Hürden geprägt, die sich aus ihrem Geschlecht, den politischen Umständen und der rasanten Entwicklung eines neuen Forschungsfelds ergaben.
Nach ihrer Spezialisierung und Promotion arbeitete sie zunächst in prekären Positionen. 1913 erhielt sie ein Forschungsstipendium an der Yale University, wo sie bei Ross G. Harrison forschte, einem der Begründer der modernen Gewebekultur. Im Ersten Weltkrieg wurde Erdmann in den USA der Spionage verdächtigt und interniert, was ihre Arbeit abrupt unterbrach.
Nach ihrer Rückkehr nach Berlin setzte sie ihre Forschung unter schwierigen Bedingungen fort und baute an der Charité eine Abteilung für experimentelle Zellforschung im Institut für Krebsforschung auf. In den 1920er Jahren erhielt sie eine außerordentliche Professur; die Verbeamtung folgte. Ein zentrales Anliegen Erdmanns war es, Methoden der Gewebekultur systematisch zugänglich zu machen. Dies zeigt sich in der Veröffentlichung ihres Lehrbuchs Praktikum der Gewebepflege oder Explantation, besonders der Gewebezüchtung (1922) 1 wie auch in der Herausgabe der Zeitschrift Archiv für experimentelle Zellforschung, die als internationales Forschungsforum diente.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet Erdmann unter Druck. Sie wurde jüdischer Herkunft und der Kollaboration mit jüdischen Kollegen verdächtigt. Eine kurzzeitige Inhaftierung und die Entlassung folgten; ihre Abteilung wurde aufgelöst. Rhoda Erdmann starb 1935. Ihr wissenschaftliches Werk geriet lange in Vergessenheit, gilt heute jedoch als zentraler Beitrag zur frühen Zellbiologie und zur Internationalisierung experimenteller Forschung.
1 Erdmann, R.: Praktikum der Gewebepflege oder Explantation, Heidelberg, 1922
Originalbild: https://onlineexhibits.library.yale.edu/s/WISE/page/anna-maria-rhoda-erdmann
Marie-Caroline Kaufmann Wolf
1877 – 1922
Dermatologin
Das versäumte Bild zeigt Marie Kaufmann-Wolf in
ihrem Forschungslabor, in dem sie einen wichtigen Pilzerreger entdeckte.
Eingabe KI: large format camera portrait from 1920 showing 50 year old female doctor, wearing a white doctor's coat with a stand-up collar, standing proudly in a lab, behind a desk with papers and a microscope and petri dishes, holding an Erlenmeyer flask --oref [Bild Kaufmann Wolf] --ow 150 --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Marie Wolf wurde 1877 in Alzey in einer jüdischen Familie geboren. Sie besuchte eine höhere Mädchenschule, an der sie mit 16 Jahren ihren Abschluss erreichte. 1896 heiratete sie Eugen Kaufmann und erst 1904, mit 27 Jahren, holte sie ihr Abitur nach, um im Anschluss in Heidelberg, Halle und München Medizin zu studieren. 1909 legte sie ihr Staatsexamen ab und erhielt ihre Approbation. Drei Jahre später folgte die Promotion als Dermatologin – mit 35 Jahren.
Sie arbeitete als Assistenzärztin – außeretatmäßig, was selbst für promovierte Ärztinnen damals üblich war. 1919 siedelte sie mit ihrem Mann nach Berlin über, ein Jahr später bereits wurde sie als Leiterin der Universitätshautpoliklinik an der Charité berufen. In Berlin war sie Mitbegründerin des Vereins weiblicher Ärzte. Auch ihr Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter in Bereichen beispielsweise der Hygiene und im Sozialen kann als emanzipatorisch verstanden werden. So engagierte sie sich gegen die Reglementierung der Prostitution und die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten durch Ausnahmegesetze, die allein die Rechte der Frauen einschränkten.
Marie Kaufmann-Wolf verstarb 1922 mit nur 45 Jahren, kurz vor ihrer Habilitation. Ihre Habilitationsschrift wurde posthum veröffentlicht. Sie hinterließ eine lange Publikationsliste, die Ergebnisse ihrer Forschungen – nicht nur auf dem Gebiet der Dermatologie, sondern unter anderem auch der Anatomie und Pathologie sowie der Embryologie.
Besonderes Augenmerk richtete sie auf die Syphilisforschung und Mykosen. Auf Grund ihrer Forschungsergebnisse in diesem Bereich wurde eine Pilzinfektion nach ihr benannt: der „Morbus Kaufmanii“, einer Hautveränderung an Händen und Füßen – allerdings wohl nur für kurze Zeit, heute ist sie unter diesem Namen kaum jemandem ein Begriff (heute: Trichophyton interdigitale).
Originalbild: Bildarchiv Medizinische Universität Wien
Annelise Wittgenstein
1890 – 1946
Fachärztin für Innere Medizin
Das versäumte Bild zeigt Annelise Wittgenstein als Professorin im Hörsaal – einer Position, die ihr 1933 verweigert wurde.
Eingabe KI: classical official portrait from 1933 showing 43 year old female professor, wearing a black simple dress with long sleeves, standing proudly in a lecture hall of the Charité Berlin --oref [Bild Wittgenstein] --v 7.0 --s 50
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Annelise Wittgenstein wurde 1890 in Schlesien geboren.
1909 absolvierte sie zunächst ihr Lehrerexamen und arbeitete auch als Lehrerin, bevor sie 1913 ihr Abitur nachholte und ein Medizinstudium an der HU begann.
1918 bestand sie ihr Staatsexamen, es folgten 1919 ihre Promotion sowie die Approbation. Ab Sommer 1919 war sie Assistentin an der Charité. Sieben Jahre später habilitierte sie sich für Innere Medizin und war zwischen 1919 und 1932 eine von lediglich zwei Privatdozentinnen an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität.
1932 stellte der Direktor der Medizinischen Fakultät, Prof. Alfred Goldscheider, einen Antrag auf Wittgensteins Professur an den damaligen Dekan Prof. Hermann Gocht. Der Antrag wurde erst 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Fakultätssitzung verhandelt – und abgelehnt. Offiziell wurde Wittgensteins eigener Rückzug als Grund genannt: Sie war der Ablehnung mit einem persönlichen Brief zuvorgekommen, indem sie wegen einer Herzmuskelerkrankung um die vorübergehende Befreiung von ihren Vorlesungen bat, da sie unter den politischen Gegebenheiten keine Möglichkeiten für eine angemessene Ausübung einer Professur für sich sah.
Goldscheider schrieb 1932 in seinem Antrag über Wittgenstein: „Trotz des bei akademischen Lehrern wie bei Studierenden vielfach bestehenden Misstrauens gegen weibliche gelehrte Kräfte hat sich Frl. Dr. Wittgenstein als Dozentin ganz entschlossen durchgesetzt […] ihre ärztlich-praktischen Leistungen verdienen vollste Anerkennung.“ 1
Im Frühjahr 1946 bemühte sich der Kanzler der FU Berlin um die Wiederaufnahme ihrer Dozentur. Der komissarische Dekan, Karl Lohmann lehnte ihre Wiedereinstellung wegen der freiwilligen Niederlegung 1933 durch Wittgenstein selbst und ihrer gesundheitlichen Verfassung ab. Wenige Monate später verstarb Annelise Wittgenstein im Dezember 1946 an einer Lungenentzündung in Berlin.
1 Zit. nach David, M., Kollmann, P.S.: „Bloß keine Schreibtischgelehrte sein“, auf: Ärztinnen der ersten Generation. https://magazin.aekb.de/kultur-geschichte/aerztinnen-der-ersten-generation-annelise-wittgenstein, abgerufen am: 31.01.2026
Originalbild: https://frauenklinik.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc17/Frauenheilkunde/frauenklinik/Dateien_2024/Aerztin_25x36_Ansicht_Rueck.pdf
Elisabeth Nau
1900 – 1975
Fachärztin für Gerichtliche und Soziale Medizin
Das versäumte Bild zeigt Elisabeth Nau in höherem Alter als Professorin und Institutsdirektorin.
Eingabe KI: Hasselblad portrait from 1970, Kodak Portra colors, 150mm, close-up, of 70-year-old female director, wearing a doctor's coat, hard light from the side, proud posture --oref [Foto Elisabeth Nau] --sref [Foto Ferdinand Sauerbruch]
generiert mit Midjourney von Gesine Born
Geboren 1900 in Köln, begann Elisabeth Nau ihr Medizinstudium mit 20 Jahren in Bonn, wo sie 1925 Ihr Staatsexamen ablegte. Im Anschluss arbeitete sie am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin – ein Fachgebiet, das ihr für immer bleiben sollte. Als Schwerpunkt ihrer praktisch-klinischen Tätigkeit wählte sie die Kinderpsychiatrie und -heilkunde.
Parallel zur Medizin absolvierte sie ein Philosophie-Studium und wählte aus der interdisziplinären Schnittmenge ihr späteres Habilitationsthema: „Geschichtliches, Psycho-logisches und Psychopathologisches über den Selbst- und erweiterten Selbstmord und seine Beurteilung in der Rechtspflege.“
1930 übersiedelte sie mit Prof. Dr. Müller-Hess nach Berlin und blieb zeitlebens beruflich mit ihm verbunden. Sie arbeitete auch hier am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität), dessen Leitung sie 1935 übernahm. In dieser Funktion hielt sie den Lehrbetrieb auch während des Krieges aufrecht. Ab 1946 erhielt sie eine Professur mit Lehrauftrag an der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin. 1949 folgte sie einem Ruf an die neu gegründete FU Berlin. Trotz ihrer Habilitierung 1940 erhielt sie erst hier eine Professur mit vollem Lehrumfang. Sie war die erste Direktorin der forensisch-psychiatrischen Abteilung des Instituts für Gerichtliche Medizin in Berlin.
Elisabeth Nau war auf ihrem Gebiet international anerkannt und wurde weltweit zu Tagungen eingeladen. Besonders stark machte sie sich für die interdisziplinäre Zusammenarbeit der staatlichen Institutionen in der Kinder- und Jugendfürsorgepflicht sowie in der Vorbeugung der Straffälligkeit psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher. Auf dem Forschungsgebiet von Kindesmisshandlung gilt sie als absolute Vorreiterin.
Originalbild: Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek,
Quellen und Literaturverzeichnis
Rhoda Erdmann
Literatur:
Fangerau, H.: Leaving the Academic Niche-Rhoda Erdmann (1870-1935) and the Democratization of Tissue Culture Research. Front Cell Dev Biol., 2022
https://gedenkort.charite.de/menschen/rhoda_erdmann
abgerufen am 05.02.2026
https://magazin.aekb.de/kultur-geschichte/aerztinnen-der-ersten-generation-rhoda-erdmann
abgerufen am 05.02.2026
Bildquelle:
https://onlineexhibits.library.yale.edu/s/WISE/page/anna-maria-rhoda-erdmann
Marie-Caroline Kaufmann-Wolf
Literatur:
https://geschichte.charite.de/aeik/biografie.php?ID=AEIK00010
abgerufen am 01.02.2026
Papritz, A.: Zur Erinnerung an Dr. med. Maria Kaufmann-Wolf. Vierteljahrsschrift des Bundes Deutscher Ärztinnen 1, 1924, H. 1, S. 11
Rosenau, R.: Die Kusinen Kaufmann-Wolf und Ella Wolf. Zwei Alzeyer Mädchen auf dem langen Weg zu Studium und Arztberuf. In: Alzeyer Geschichtsblätter (Sonderdruck), Heft 41, 2015, S. 128-145
Korting, G. W., Scheider, S.: Geschichte der Dermatologie. Zur 50. Wiederkehr des Todestages von Fau Marie Kaufmann-Wolf am 1. 3. 1972; in: Der Hautarzt, 23. Jg., Heft 8, 1972, S. 362
Bildquelle:
Bildarchiv Medizinische Universität Wien, https://www.josephinum.ac.at/online-sammlung/objekt/portraet-von-marie-kaufmann-wolf-mit-einem-bericht-139899/
Helenefriederike Stelzner
Literatur:
Ärztinnen im Kaiserreich
https://geschichte.charite.de/aeik/biografie.php?ID=AEIK00709
abgerufen am 05.02.2026
https://frauenorte.net/die-nichts-als-bildung-maenlichs-haben-zur-geschichte-des-frauenstudiums-an-der-universitaet-halle/
abgerufen am 05.02.2026
https://medonline.at/news/geschichte/90009664/helenefriderike-stelzner/
abgerufen am 05.02.2026
Bildquelle:
Von Helenefriederike Stelzner sind keine Bilder auffindbar, auch die Vorlage wurde bereits mit KI generiert.
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Ingeborg Syllm-Rapoport
Quelle und Literatur:
https://www.charite.de/klinikum/themen_klinikum/prof_dr_ingeborg_rapoport/, abgerufen am 02.02.2026
https://magazin.aekb.de/kultur-geschichte/aerztinnen-der-ersten-generation-ingeborg-syllm-rapoport, abgerufen am 30.01.2026
https://www.deutschlandfunkkultur.de/ueber-alle-grenzen-hinaus-die-drei-leben-der-aerztin-100.html, abgerufen am 30.01.2026
Bildquelle:
Privatbesitz
Käthe Beutler
Quelle und Literatur:
Italiener, K.: Unsere Erfolge mit Hohen Neosalvarsandosen bei Behandlung der Angeborenen Syphilis. In: Klinische Wochenschrift 3. Jg., Nr. 14, S. 577–579, 1924. https://doi.org/10.1007/BF01850070
https://www.mdc-berlin.de/de/news/press/kaethe-beutler-tu-etwas, abgerufen am 30.01.2026
Hildebrandt, S.: Käthe Beutler (1896–1999), Eine jüdische Kinderärztin aus Berlin. Hentrich & Hentrich, 2019
Bildquelle:
Privatbesitz
Lydia Rabinowitsch-Kempner
Literatur:
https://gedenkort.charite.de/menschen/lydia_rabinowitsch/,
abgerufen am 30.01.2026
https://magazin.aekb.de/kultur-geschichte/aerztinnen-der-ersten-generation-lydia-rabinowitsch-kempner,
abgerufen am 30.01.2026
Bildquelle:
unbekannt
Annelise Wittgenstein
Quelle und Literatur:
https://geschichte.charite.de/aeik/biografie.php?ID=AEIK00855
abgerufen am 31.01.2026;
https://magazin.aekb.de/kultur-geschichte/aerztinnen-der-ersten-generation-annelise-wittgenstein
abgerufen am 31.01.2026
Habilitationsakte Wittgenstein, A.: Lebenslauf, vermutlich 1946, Universitätsarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin
Bildquelle:
https://frauenklinik.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc17/Frauenheilkunde/frauenklinik/Dateien_2024/Aerztin_25x36_Ansicht_Rueck.pdf
Elisabeth Nau
Quelle und Literatur:
Ärztinnen im Kaiserreich. In: geschichte.charite.de. Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité, abgerufen am 01.02.2026
Brinkschulte, E.: Frauen in der Medizinischen Wissenschaft an den Berliner Universitäten im Rahmen der Vortragsreihe: Berliner Wissenschaftlerinnen 1933-1945. Kontinuitäten und Brüche. WS 1995/1996, Auszug von Eva Brinkschulte, Tabelle 2: Habilitierte 1932-1945, S. 15-20
Bildquelle:
© Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek (https://www.sammlungen.hu-berlin.de/objekte/portraetsammlung-berliner-hochschullehrer/13113/ )
Die Ausstellung wurde kuratiert von
Karin Höhne
Leiterin Stabsstelle Chancengleichheit und Diversität, Berlin Institute of Health at Charité (BIH)
Kristina Helena Pavićević
Koordinatorin Graduiertenkolleg BIOQIC, Institut für Radiologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin
Mit freundlicher Unterstützung
Gefördert durch Projektnr. 28934735

