Secret Service

SENCKENBERG

Es sind Geschichten, die nur als Randnotizen überliefert sind: Frauen, die Naturforschung maßgeblich prägten.

Secret Service bringt diese Stimmen zurück – und mit ihnen ein Stück Wissenschaftsgeschichte, das wir bisher nicht kannten.

Frauen haben die Naturforschung in vielfacher Hinsicht geprägt – doch ihre Beiträge wurden häufig übersehen, marginalisiert oder männlichen Kollegen zugeschrieben. Viele ihrer Leistungen blieben damit aus dem kollektiven wissenschaftlichen Gedächtnis verdrängt. Genau hier setzt das vom BMFTR geförderte Forschungs- und Vermittlungsprojekt „Secret Service: Frauen. Forschung. Senckenberg.“ an: Es untersucht die historischen und gegenwärtigen Beiträge von Frauen in der Naturforschung und macht diese sichtbar.

Ida von Boxberg

1806-1893 | Archäologin

Sachsens erste Archäologin

Ida Wilhelmina von Boxberg gilt als erste Archäologin Sachsens. Ihre Kindheit verbrachte sie in Dresden, wo sie eine umfassende humanistische Bildung erhielt. Besonders ihre Französischkenntnisse prägten ihren weiteren Weg: 1839 wurde sie Gouvernante bei der Adelsfamilie La Rochelambert und folgte ihnen nach Frankreich.

Zurück in Sachsen führte sie Ausgrabungen durch, hielt Vorträge, organisierte Exkursionen und veröffentlichte Abhandlungen zu archäologischen Themen. Auch geologische Funde gehen auf sie zurück – darunter eine Palmenholzversteinerung, die bis heute ihren Namen trägt: Palmacites boxbergae. Ihre Sammlung ist heute zwischen Frankreich und Deutschland verstreut, Bestandteile befinden sich unter anderem im Senckenberg-Museum in Dresden.

Postkarte Höhle von Rochefort

Porträt Boxberg

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Originalbild

Gertrud Winter-von Möllendorff

1882-1945 | Wissenschaftliche Zeichnerin

Kunst im Dienst der Wissenschaft

Als Zeichnerin prägte Gertrud das Senckenberg Naturmuseum mit Illustrationen, die zahlreiche Publikationen bereicherten. Geboren in Hongkong und aufgewachsen in Manila, fand sie erst durch ihren späteren Ehemann Fritz Winter zum wissenschaftlichen Zeichnen.

Berühmt wurden ihre detailgenauen Insektentafeln für die Deutsche Gesellschaft für angewandte Entomologie. Ein weiteres Highlight sind ihre Illustrationen für Dr. Tilly Edingers Werk „Die fossilen Gehirne“. Mit Edinger verband sie eine enge Freundschaft – und bemerkenswerte Loyalität: Während des Nationalsozialismus war Gertrud die einzige Museumsmitarbeiterin, die die ausgeschlossene jüdische Wissenschaftlerin bis zu ihrer Emigration regelmäßig besuchte.

Originalbild

Porträt Maria Schilder

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Veröffentlichung der Zeichnungen

Margot Perl

1923 - 1984 | Museumslaborantin

Bewahrerin des Senckenberg-Erbes.

Margot Perl arbeitete viele Jahre am Senckenberg-Museum in Frankfurt und leistete in schwierigen Zeiten Außergewöhnliches. Während des Zweiten Weltkriegs begleitete sie mit großem Einsatz die Auslagerung wertvoller Sammlungen in Gruben in der Wetterau, um sie vor Zerstörung zu schützen. Unter herausfordernden Bedingungen und mit hohem persönlichem Einsatz half sie dabei, das wissenschaftliche Erbe des Senckenbergs zu sichern.

Auch nach dem Krieg war Margot Perl eine prägende Persönlichkeit: Vielen Kolleginnen und Kollegen war sie als „Perline“ bekannt – als verlässliche Ansprechpartnerin und engagierte Mentorin. Sie unterstützte besonders jene, die neu ans Haus kamen, und prägte das Miteinander im Museum. 

Originalbild

Porträt Maria Schilder

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Veröffentlichung der Zeichnungen

Wilhelmine Meyer

1848 – 1920 | Naturwissenschaftlerin

Auf Forschungsreise im Malaiischen Archipel

Wilhelmine („Minna“) Meyer war gemeinsam mit Adolf Bernhard Meyer (dem späteren Dresdner Museumsdirektor) mehrere Jahre im Malaiischen Archipel unterwegs. Dort sammelte und präparierte sie eigenständig Tiere, darunter mehr als 200 Schmetterlinge. Unter ihnen befanden sich 19 Arten, die damals wissenschaftlich neu waren. Ihre Arbeit galt als außergewöhnlich sorgfältig und fachkundig und war für eine Frau ihrer Zeit alles andere als selbstverständlich.

Als Zeichen der Anerkennung wurden mehrere Vogelarten nach ihr benannt, darunter der Elfenlori (Charminetta wilhelminae, Meyer, 1874), auch Wilhelminenlori genannt. Bis heute trägt dieser farbenprächtige Vogel ihren Namen und würdigt damit ihre wissenschaftliche Arbeit.

Obwohl Wilhelmine Meyers Beitrag lange Zeit wenig Beachtung fand, ist er in den Dresdner Sammlungen und in den nach ihr benannten Arten bis heute sichtbar.

Originalbild Aino Ackté - Opernsängerin, kein Bild von Wilhelmine Meyer vorhanden

Porträt Maria Schilder

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Originalfotos Schmetterlinge 1-3 © Cheongweei Gan, Schmetterling 4 (c) © Maf Yunda

Aenny Fahr

1883 – 1964 | Naturwissenschaftlerin und Fotografin

Naturforschung durch ihre Linse

Aenny Fahr war Tierfotografin, Aquaristik-Expertin und leidenschaftliche Herpetologin. Ihren Weg fand sie zwischen Terrarien und den eisigen Landschaften des Nordens, während sie sich in Frankfurt unter anderem auch mit der Entwicklung von Salamandern beschäftigte.

1914 brach sie als Fotografin der ersten Frankfurter Polarexpedition nach Spitzbergen auf, ausgerüstet von der Senckenberg Naturforschenden Gesellschaft. Aenny stand auf dem Deck eines Forschungsschiffs, ihre Kamera in der Hand, umgeben von Gletschern und Eis. Mit ihren Aufnahmen hielt sie sowohl die Landschaft fest als auch den Arbeitsalltag der Besatzung und die Tierwelt des hohen Nordens.

Foto: Aenny Fahr

Originalbild

Porträt Maria Schilder

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Maria Schilder

1898–1975

Die Frau hinter der Kaurischnecke

Maria Schilder war promovierte Chemikerin und leidenschaftliche Forscherin. Zusammen mit Franz Schilder fand sie ihre Berufung in der gemeinsamen Forschung über Schnecken. Ob Cypraea (Kauri-Schnecke) oder Cepaea (Bänderschnecke) – sie maß, katalogisierte, analysierte.  Zusammen baute das Ehepaar eine bedeutende Schneckensammlung auf, diese wird heute im Senckenberg-Institut aufbewahrt.  Im Zweiten Weltkrieg und der DDR ertrug sie politische Konflikte und institutionelle Zurückweisung – und forschte immer weiter.  

Über 400 Publikationen, 45 Gattungen, 483 Arten – Maria war oft Co-Autorin und oft alleinige Verfasserin, aber selten im Rampenlicht. Eine Schnecke trägt sogar ihren Namen: Annepona mariae

Originalbild

Porträt Maria Schilder

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Dr. Tilly Edinger

1897 – 1967 | Paläontologin

Pionierin der Gehirnforschung, Begründerin der Paläoneurologie und Wegbereiterin des modernen Evolutionsverständnisses

Schon als Kind durchstreifte Tilly Edinger mit ihrem Vater das Senckenbergische Naturhistorische Museum und als eine der ersten Frauen in Deutschland studierte sie Geologie, Zoologie und Paläontologie.

Mit ihrer Promotion 1921 über die Analyse des fossilen Nothosauriergehirns legte sie den Grundstein der Paläoneurologie – der Erforschung der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere.

Sie arbeitete ehrenamtlich als Kustodin am Frankfurter Naturmuseum, 1931 bis 1933 auch als Assistentin am Neurologischen Institut. 1939 floh die jüdische Wissenschaftlerin in die USA und setzte dort bis zu ihrem Tod 1967 am Harvard Museum of Natural History ihre paläontologischen Forschungen fort. Dr. Tilly Edinger gilt als Wegbereiterin des modernen Evolutionsverständnisses.

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Porträt Maria Schilder

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Louise von Bose

1813 – 1883 | Stifterin

Die Frau, die Senckenberg unabhängig machte.

1813 in Berlin als zunächst uneheliche Tochter des Kurfürsten Wilhelm II. geboren, wuchs sie  zwischen  höfischem Glanz und Ablehnung auf. Louise hatte eine Leidenschaft für Naturwissenschaft und erforschte Schmetterlinge auf ihrem Hofgut in Frankfurt.  Ihr Vermächtnis von 800.000 Mark hinterließ sie der  Senckenbergische Naturforschenden Gesellschaft; damals wie heute eine beachtlich hohe Summe.

Mit insgesamt über 1,2 Millionen Goldmark machte Louise Senckenberg zu einer der wohlhabendsten wissenschaftlichen Institution ihrer Zeit. Dank ihrer Stiftung blieb die Gesellschaft unabhängig, frei von staatlicher Finanzierung, und konnte Forschungsreisen, Sammlungen und Stipendien finanzieren. Louise von Bose wirkt bis heute als bedeutendste Mäzenin Senckenbergs nach.

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Porträt Maria Schilder

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Johanna Rebecca Senckenberg

1716 – 1743 | Stifterin

Eine stille Kraft mit großer Wirkung

Als Tochter eines wohlhabenden Juweliers lebte sie inmitten von Reichtum, doch ihr Herz schlug für Bescheidenheit, Fürsorge und Glauben. In ihrer nur 16 Monate währenden Ehe mit Johann Christian Senckenberg veränderte sie nicht nur sein Leben, sondern seine gesamte Sicht auf die Welt. Aus dem zurückgezogenen Arzt wurde ein Mensch mit Blick für das Leid anderer. Ihre Tugend, Ordnungsliebe und stille Wohltätigkeit inspirierten ihn zu einem neuen Lebensweg. Sie lebte nach dem Motto: Non est mortale quod opto. (Es ist nicht sterblich, was ich wünsche).

Nach ihrem frühen Tod im Kindbett 1743 war es ihr Vermögen, das zum Grundstein ein der bedeutendsten medizinischen Stiftungen Deutschlands wurde: der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Ohne Johanna kein Senckenberg Museum, keine Sammlung, kein wissenschaftliches Erbe. Ihr Wirken wirkt bis heute.

Sie war nie eine öffentliche Figur. Aber sie war der Impuls, der alles veränderte. Für ihren Mann. Für die Forschung. Und für die Zukunft.

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Porträt Maria Schilder

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Elisabeth Schultz

1817 – 1898 | Botanikerin und Malerin

Die Flora von Frankfurt.

1817 in Frankfurt geboren, war Elisabeth Schultz nicht nur Künstlerin, sondern auch Naturforscherin. Aus einer kunstliebenden Familie stammend, gründete sie ihre eigene Malschule und unterrichtete junge Frauen im Zeichnen. Ihre Leidenschaft für Pflanzen und ein großes naturkundliches Interesse führte zu einem einzigartigen Lebenswerk: der „Flora von Frankfurt“ – 1.262 leuchtende Gouachen von Pflanzen in und um Frankfurt zwischen 1830 und 1890.

Dieses beeindruckende Werk ist heute Teil des Senckenberg-Bestands – ein bedeutendes Zeugnis regionaler Botanikgeschichte. Als erstes weibliches Ehrenmitglied der Senckenberg Naturforschenden Gesellschaft schrieb Elisabeth Geschichte.

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Porträt Maria Schilder

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Maria Sibylla Merian

1647 – 1717 | Botanikerin und Entomologin

Pionierin zwischen Kunst und Wissenschaft

Maria Sibylla Merian wurde in eine Frankfurter Künstlerfamilie geboren und zeigte schon früh Talent im Zeichnen von Pflanzen. Ihre Neugier galt bald Tieren – besonders den Insekten. Fasziniert von deren Verwandlung, dokumentierte sie als eine der ersten Personen systematisch die Metamorphose von Raupen zu Schmetterlingen.

Sie veröffentlichte mehrere Werke über die Verwandlung von Insekten. Für eine Publikation reiste sie zwei Jahre mit ihrer Tochter nach Surinam – ein außergewöhnliches Unterfangen für eine Frau ihrer Zeit. Merian war eine Visionärin, die Kunst und Naturwissenschaft untrennbar verband.

Ihre Beobachtungen legten wichtige Grundlagen für die moderne Entomologie. Teile ihrer Werke sind heute bei Senckenberg erhalten.

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Porträt Maria Schilder

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References and Bibliography